Blondes have Gore fun

Kurzgeschichte / Text: 

Bernd hetzte an die Kasse, zückte noch im Laufen sein Portemonnaie und zog einen Zwanziger heraus.
„Einmal ‚Zombie Nightmare’, bitte“, sagte er und keuchte dabei unentwegt.
„Scheiße“, dachte er betrübt. „Ich muss echt mal abnehmen.“
Der junge Mann an der Kasse, ein groß gewachsener Blondschopf mit einem Oberlippenbart, der wie eine Filmrequisite aussah, schob ihm eine Karte und das Wechselgeld rüber. „Hat aber schon angefangen.“
In seinem Blick lag etwas Tadelndes und Bernd erwischte sich dabei, wie er unwillkürlich zusammenzuckte. „Ich weiß. Danke.“
Achtlos stopfte er das Geld in die Hosentasche und lief zum Saal. Eine Geruchwolke aus Popcorn, Fett und Nachos lag in der Luft. In dem kleinen Kino am Stadtrand gab es nur zwei Säle, die verglichen mit den riesigen Multiplex-Kinos winzig waren. Die Tür zum Saal war bereits geschlossen und Kartenabreißer war keiner zu sehen.
Bernd überlegte kurz, dann riss er die Tür auf und ging hinein. Leise schloss er wieder. In der hintersten Reihe saßen ein paar Leute, während vorne alle Plätze frei standen. Ohne auf die Sitznummer seiner Karte zu achten, ließ er sich in einen Stuhl fallen und atmete tief durch. Auf der Leinwand erschien in blutig roten, ausgefransten Lettern der Filmtitel.
Entspannt lehnte sich Bernd zurück. Offensichtlich hatte er nur die Werbung sowie die Trailer für kommende Filme versäumt. Zufrieden lächelte er. Auf den Film hatte er sich seit Monaten gefreut, zumal dieser auch noch in seinem Lieblings-Kino laufen würde. Er hasste die riesigen Kino-Komplexe, in deren Foyers stampfende Techno-Musik lief und kaum ein Besucher über achtzehn zu sein schien. Und dann noch die riesigen, unpersönlichen Säle, in denen man sich klein und unbedeutend vorkam. Nein, da lobte er sich das gute, alte Kino, wie das „Zentral“!
Sollten diese pseudo-coolen Kids in ihre Megaduper-Kinoplexe fahren und mit ihrem unmöglichen Benehmen jedes Filmvergnügen zum Ärgernis umgestalten. Sollten sie doch dort ihre fettigen Nachos mampfen und mit ihren Chips-Packungen rascheln. Hier im „Zentral“ wussten sich die Zuschauer zu benehmen. Meistens jedenfalls. Natürlich gab es hin und wieder Idioten, die den Kinosaal mit einer öffentlichen Telefonzelle verwechselten und brühwarm irgendjemandem via Handy verklickerten, wie scheiße der Film doch sei. Oder ungehobelte Teenager, die ihre Cola schlürften und ausgiebig rülpsten. Oder die Stuhllehnen mit ihren dreckigen Turnschuhen bearbeiteten. Aber gerade in einem Film wie „Zombie Nightmare“ war man als fast Vierzigjähriger vor solchen wandelnden Gründen für Kinderlosigkeit sicher. Der Film war ab achtzehn, und in Zweifelsfällen verlangten die Verkäufer tatsächlich die Vorlage eines Ausweises.
Bernd lächelte, als er sah, wie die Protagonisten, zwei junge Pärchen, vor den Zombie-Horden auf den Dachboden eines viktorianischen Herrenhauses flüchteten. Man musste kein Kenner des Genres sein, um zu wissen, wie hinreißend dämlich dieser Fluchtweg war.
Nein, man musste kein Kenner sein, aber er war es. Seit über dreißig Jahren verschlang er alles an Literatur und Filmen, was das Horrorgenre nur hergab. Während selbst Splatterpunk-Bücher in Deutschland problemlos erhältlich waren, musste er bei den meisten Filmen auf ausländische Ausgaben zurückgreifen, um die ungeschnittenen Fassungen zu ergattern. Früher war das ziemlich kostspielig gewesen, aber in Zeiten des Internet konnte er bequem in österreichischen Shops alles kaufen, was in Deutschland verboten oder geschnitten war.
Derweil hatten die Zombies endlich die lächerlichen, von den vier jungen Leuten errichteten Barrikaden durchstoßen und strömten zu Dutzenden auf den Dachboden.
Dem schwarzhaarigen Flittchen wurde der Arm aus dem Gelenk gerissen, was eine unrealistisch hohe Menge an Blut in alle Richtungen spritzen ließ. Obwohl es außer dem Mondlicht durch das einzige Fenster keinerlei Lichtquellen gab, war die ganze Szenerie dennoch hinreichend ausgeleuchtet, um in Großaufnahme das Verspeisen des Arms begutachten zu können.
Während das Mädchen noch kreischte, fiel sie ein weiterer Angreifer von hinten an und riss Fleischfetzen aus dem Nacken. Die entsetzten Gesichter ihrer Freunde ließen Bernd lachend aufglucksen. Sofort schlug er eine Hand vor den Mund: Wie peinlich! Er erwartete Gemurmel aus den hinteren Reihen. Doch zu seiner Erleichterung schien sich niemand an seinem unangebrachten Gelächter zu stoßen.
Er entspannte sich wieder, fläzte sich in möglichst bequemer Stellung in den Stuhl, streckte die Beine unter den Stuhl in der nächsten Reihe und faltete die Hände über seinem ansehnlichen Bäuchlein. Kurz schweiften seine Gedanken ab und er entsann sich des letzten Streits mit seiner Freundin. Es war der Abend, an dem sie Schluss gemacht hatte und zu ihrer Schwester gezogen war. Nicht zu Unrecht hatte sie ihm vorgeworfen, er achte überhaupt nicht mehr auf seinen Körper und würde vor dem Fernseher regelrecht verfetten.
Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie seine Vorliebe für Horrorfilme toleriert. Nach Ablauf der ersten Phase der Verliebtheit jedoch war ihr seine DVD-Sammlung, die schneller als sein Gewicht wuchs, immer stärker als trennende Wand zwischen ihnen erschienen.
Vor einem Monat hatte sie dann den Schlussstrich gezogen.
„Scheiß drauf“, dachte Bernd und weidete sich an Nahaufnahmen eines aufgerissenen Brustkorbs. Das Herz des Opfers schlug noch so lange, bis es einer der gierigen Untoten herausriss und ein großes Stück davon abbiss.
An Stellen wie dieser stöhnten für gewöhnlich zarter besaitete Zuschauer auf oder man hörte, wie jemand auf seinem Stuhl nervös rutschte.
Doch nichts dergleichen. Anscheinend saßen in den hinteren Reihen abgehärtete Horrorfans, wie er einer war. Vielleicht sollte er nach der Vorstellung Kontakt zu diesen Leuten suchen. Mit seinem Hobby stieß er meist auf völliges Unverständnis, ja, Ablehnung, und sah sich mitunter sogar dem Verdacht ausgesetzt, ein gemeingefährlicher Perverser zu sein. Es wäre angenehm, ein paar Freunde um sich zu wissen, die seine Vorliebe für Horrorfilme nicht bloß notgedrungen akzeptierten, sondern sogar teilten.
Endlich war den beiden Überlebenden, der Blondine und dem Sportlichen, der unglaublich gewitzte Einfall gekommen, aus dem Fenster zu klettern, anstatt sich bei lebendigem Leibe auffressen zu lassen, wie die Schwarzhaarige und ihr intellektueller Freund.
Warum mussten die Protagonisten in Horrorfilmen immer so schrecklich dumm sein und völlig irrational handeln? Bernd seufzte innerlich. Gut, wenn man von Zombies gejagt wurde, hatte man in der Regel nur wenige Fluchtmöglichkeiten und auch wenig Zeit, ausgeklügelte Pläne zu entwerfen. Aber diese Dummsäcke ignorierten stets die offensichtlichsten Anzeichen für das Vorhandensein tödlicher Gefahr. Wenn ein Irrer mit einer Axt einen aus ihrer Mitte erschlagen hatte, liefen sie nicht schreiend zu den Autos und fuhren in die Stadt zur Polizei, nein, sie trennten sich, damit der Psychopath einen nach dem anderen abschlachten konnte.
Oder wenn der beste Freund trotz mehrfachen Klingelns an der Haustür nicht aufmachte, auf Anrufe nicht reagierte, Blut an der Tür klebte und eine Fensterscheibe eingeschlagen war: Statt abzuhauen und die Bullen zu rufen, stiegen diese Idioten durch das offene Fenster, fanden die Leichen und kreischten so lange herum, bis sie selber enthauptet wurden.
Eine lästige Fliege riss ihn aus seinen Gedanken. Er verscheuchte sie, aber sie ließ sich nicht beirren und kehrte anscheinend mit ihrer ganzen Sippschaft zurück. Verdammt! Hatten die überhaupt Eintritt bezahlt? Er fächelte wild mit den Händen herum, was diese Plagegeister nur anzuspornen schien.
Ein fauliger Geruch stieg ihm in die Nase. Zunächst dachte er, jemand hätte gefurzt. Aber der Gestank hing hartnäckig wie eine Heimsuchung in der Luft. Wenigstens wusste er jetzt, woher die Fliegenschwärme stammten. Wahrscheinlich lag irgendwo unter den Sitzen ein Stück Döner, das jemand hereingeschmuggelt und fallen gelassen hatte. Und da, wie er wusste, nicht gerade viel Wert auf Hygiene gelegt wurde…
Bernd rümpfte die Nase, schlug nach einer Fliege, die sich auf seiner Wange niedergelassen hatte, und stellte fest, dass die Blondine alleine unterwegs war. Hatte sie sich absichtlich von ihrem Freund getrennt oder hatten ihn die Zombies verspachtelt? Egal – er würde ohnehin die DVD kaufen und notfalls den Film noch einmal anschauen.
Die Protagonistin lief durch ein abgeerntetes Feld und hatte anscheinend ein hell erleuchtetes Farmhaus als Ziel. Bernd zeigte sich wenig überrascht davon, dass auf ihr vehementes Pochen gegen die Haustür niemand öffnete. Klar: Sie würde durch die offene Hintertür eintreten und mehrere angenagte Leichen finden. Dämliche Blondine! Warum war sie nicht zur Straße gerannt, um auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten?
Bernd schüttelte den Kopf über dermaßen angehäuften Schwachsinn im Drehbuch. Denen fiel wirklich nichts mehr Neues ein!
Plötzlich riss der Film und im Saal wurde es stockdunkel. Aufstöhnend schloss Bernd die Augen für eine Sekunde. Nicht auch das noch! Beim letzten Mal hatte es eine halbe Stunde gedauert, bis die Vorführung fortgesetzt werden konnte. Das Licht ging an und er überlegte, ob er sitzenbleiben und abwarten oder fragen sollte, wann der Film weiterginge. Er wollte unbedingt sehen, wie die Blondine trotz ihrer unfassbaren Dämlichkeit überlebte.
Mit den Fingern schlug er auf die harten Sessellehnen den Takt seines Lieblingslieds und wartete. Nichts.
Vielleicht konnte er die unfreiwillige Pause ja für einen Smalltalk mit den anderen Besuchern nutzen. Er stand auf und ging nach hinten. „Entschuldigen Sie, dass ich –“
Dem Ersten, den er erblickte, fehlte die rechte Gesichtshälfte. Die fast völlig blanken Knochen wuselten über vor einer schwarzen Masse an Fliegen.
Bernd blieb stocksteif stehen. Tausend Gedanken, einer verworrener als der andere, stürzten gleichzeitig auf ihn ein.
Neben dem Toten starrte eine Frau mit aufgeschlitztem Hals zur Decke. Zu ihrer Rechten war ein Enthaupteter mit Seilen an den Sitz gebunden worden.
Langsam gaben seine Knie nach. Bernd taumelte Richtung Wand und lehnte sich dagegen, um nicht umzufallen. Bestimmt nur ein makabrer Werbegag, säuselte eine wenig überzeugende Stimme in seinem Kopf. Und: Wie war das mit den offensichtlichen Anzeichen gewesen? Kein Kartenabreißer, die Fliegenschwärme, der Gestank … Heiße Übelkeit stieg in seinem Hals hoch. Er musste hart schlucken, um sich nicht zu übergeben.
Lange Zeit stand er so da, an die Wand gelehnt, unfähig, irgendeinen vernünftigen Gedanken zu spinnen. Dann ging die Tür auf und der Kartenverkäufer betrat den Saal. Er grinste ihn an. „Siehst du? Es hat schon angefangen!“
An der Axt klebte getrocknetes Blut.

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